Mit Pfefferminz bin ich Dein Prinz (1978) 8,5 Punkte

Aufmerksam auf diese Platte bin ich durch die Kassettensammlung meines Vaters geworden. Das macht meinen Vater zu einem
Westernhagen-Sympathisanten, also zu den Leuten, die
Herbert Grönemeyer nicht mochten. Da gab es früher zwei verschiedene Lager. Bei mir ist das nicht so. Ich fand zum Beispiel, dass die Leute, die über
Grönemeyers Aussprache lästerten, die Platten von
Marius Müller-Westernhagen nicht wirklich gehört haben. Bei dem ersten Stück „Mit 18“ versteh ich im Refrain „Ich möchte zurück auf die Straße / Möchte wieder singen, nicht schön, sondern geil und laut“ immer noch irgendwas mit Kabeljau. Und überhaupt? Die Songs „Mit 18“ und „Mit Pfefferminz bin ich Dein Prinz“ werden doch immer nach Songs von
Grönemeyer auf Parties gespielt. Diese Platte, die vor allem vom Mundharmonikaeinsatz lebt, wirft aber auch Fragen auf: 1.) Gab es den Namen „Willi Wucher“ eigentlich schon vor dem gleichnamigen Song? 2.) Warum muss ich bei dem Song „Oh, Margarethe“ immer an „Annemarie“ von
Extrabreit denken? Und 3.) Wurden wirklich so viele „Dicke“ mit dem gleichnamigen Song gehänselt? Legendär ist der Ausspruch „Ich glaube an die
Deutsche Bank / Denn die zahlt aus in bar“ in „Mit Pfefferminz bin ich Dein Prinz“.
Westernhagen kann aber auch melancholisch, wie z.B. in „Alles in den Wind“, wo es um das Thema Alkoholismus geht. Zynisch wird eine Situation in „Grüß mir die Genossen“ dargestellt, die manche 68er bestimmt nicht unbekannt sein wird. Und mal ganz ehrlich? Gibt es ein schöneres Trinklied als „Johnny W.“? Ich find nicht und trink mir einen selbigen darauf.
Geiler is´ schon (27.10.1983) 6,5 Punkte

Die produktivste Phase hatte
Marius Müller-Westernhagen in den 80er Jahren mit insgesamt acht Alben in einem Jahrzehnt. Hier das vierte aus dem Jahr 1983. Der erste Song „Lilli, die Mücke“ handelt um das fliegende Insekt, was jeden von schon um den Schlaf gebracht hat. Der zweite Song „Take four, because your Birne is weich“ erzählt die Geschichte von Medikamentenmissbrauch, allerdings auf eine lustige Art. Darin kommen Persönlichkeiten wie
Wolfgang Neuss,
Josef Strauss,
Helmut Kohl,
Ronald Reagan und sogar
Gott persönlich vor. Und am Ende des Songs kommt ein verdammt sexy Saxophonsolo daher. Zu seichten Synthesizerklängen wird mit „Mutter“ ein Lied präsentiert, welches sich um die verlorene Mutterliebe dreht. Der Song „Wäre ich ein Tier“ ist die moderne Version von „Wenn ich ein Vöglein wär´“. Im typischen NDW-Sound kommt dann „Jetzt komm´ Wir“ daher. Die weibliche Ausgabe von „Willi Wucher“ könnte „Gitti Kleinlich“ sein. Dann folgt ein Klassiker mit Klavieruntermalung, nämlich „Lass uns leben“, bevor die Platte mit dem durch Mundharmonikaunterstützung getragenen Song „Geiler is´ schon“, in dem es um das liebe Thema Geld geht, endet. Eine durchwachsende Platte.
Halleluja (1989) 7,0 Punkte

Es gibt eigentlich immer zwei Hits auf einem
Westernhagen-Album. Hier sind es diesmal „Sexy“ und „Fertig“. Mit dem ersten beginnt auch die Platte und klärt uns im Text über die Waffen der Frauen auf. Etwas erklärt wird uns auch im zweiten Lied, nämlich was eine „Illusion“ alles mit uns anstellen kann. Ein verträumtes Saxophonsolo von
Christian Schneider beendet das Liebeslied „Weil ich dich liebe“ auf eine ganz besondere Art. Frage: Wieso sollte man eine Liebe nicht einfach mal so beenden wie in „Fertig“? Es folgt die Bluesnummer „Lieben werd´ ich dich nie“. Biblische Zitate werden in „Hallelujah“ zu einem Song zusammengeschustert. Man kann sich natürlich wie
Westernhagen die schönsten Dinge aussuchen, um diese „Für ´ne bessere Welt“ zu machen. Endzeitstimmung kommt dann in dem sozialkritischen Song „Der Chor der Blöden“ auf, der so auch von den
Ton Steine Scherben hätte stammen können. Nur gut, dass der Künstler die Platte nicht mit so einem Song enden lässt, denn das mit Violinen- und Klaviertönen unterlegte „Engel“ stimmt dann noch sehr versöhnlich. Gute Platte.
JaJa (19.03.1992) 9 Punkte

Na wenn
Westernhagen hier nicht den Blues gefunden hat, dann weiß ich es auch nicht. Diese Platte lebt von den Refrains, den einzelnen Schlagworten der Songs und vor allem von der Hammondorgel von
Helmut Zerlett. Die heiligen 10 Gebote werden zu dem Song „Krieg“ zusammengefasst. Zwar kann ich verstehen, dass manche Leute die ständige Wiederholung des Refrains bei „Dreh´ Dich nicht um“ nerven, doch gerade das macht für mich den Reiz dieses Songs aus, bei dem auch ein hammergeiles Saxophonsolo von
Dave Bishop erklingt. Nicht nur Blues kommt auf dieser Platte vor, sondern auch Gospel, zu hören am Klatschrhythmus bei „Wir werden gleich sein“ und dem Background-Chor bei „Steh´ auf“. Auch ist es die Platte mit den kuriosesten Texten, wie „Auf einer Bühne steht ein singender Idiot / er hat soeben mit ´ner Zugabe gedroht / In einem Eisschrank kniet ein betender Soldat / er hat soeben das Vater Unser aufgesagt“ in „Vater Unser“. Liebeslieder, die Frauen dahinschmelzen lassen sind mit „Komm´ in meine Arme“ und „Liebe“ ebenfalls vertreten. Die Background Vocals des ehemaligen
Bläck Fööss-Frontmannes
Tommy Engel und die Trompete von
Dave Plews machen „Rosi (Männer sind so schwach)“ erst zu einem wirklichen Hit. Der Song „Ich will es wissen“ passt thematisch zu
Herbert Grönemeyer´s „Fragwürdig“. Zum Schluss gibt es mit „Metropolis Blues“ noch eine Blues-Jamsession und mit „Auf ´ner einsamen Insel“ einen Song für das nächste Lagerfeuer. Allerdings nur, wenn die Textzeilen „Meine Mutter, schwer Bambule / Rock´n´Roll is´ was für Schwule“ und „Ich zahl keine Kirchensteuer / Lieber leg´ ich bei Dir Feuer“ lautstark mitgegröhlt werden.
Affentheater (30.08.1994) 6,5 Punkte

Zunächst hatte ich diese Platte anders in Erinnerung, nämlich als Platte mit den meisten Stimmungs- und Partyhits. Im Nachhinein betrachtet sind diese nur „Es geht mir gut“ und „Willenlos“. Mit "Es geht mir gut" startet die CD dann auch. Dieses Lied ist eigentlich auch jedem
Jacko-Fan bekannt, da die Textzeile „Michael Jackson geht mit kleinen Jungs ins Bett“ damals für viel Furore gesorgt hat. Ich nehme ich es mit Humor, wie eigentlich den ganzen Song. Beim Song „Ich brauch ´ne Frau“ stellt
Westernhagen klar, welche Frauen die Männersinglewelt braucht, nämlich „Eine die mit mir alle Läden dieser Dreckstadt ausraubt / die das Eis um meinen Schädel auftaut / Eine die nicht fragt warum magst Du meine Mutter bloss nicht / Warum essen wir am Freitag kein Fisch“. Ich frage mich schon die ganze Zeit ob mit 'Helmut' in „Die Welt ist schön“ sein langer Weggefährte und Pianist
Helmut Zerlett gemeint ist. Als sechster Song folgt dann mit „Willenlos“ der Song, der auf jeder Party gut ankommt und von jedem Besoffenen lautstark mitgesungen wird. Kleiner Tipp: Wenn man sich den Song mal im nüchternen Zustand anhört, weiß man auch, aus welcher Stadt Natascha kommt. Im ersten Moment kommt einem der Text von „Unter meinem Fingernagel“ vielleicht komisch vor, doch stellt sich später heraus, dass das Ganze ein in Metaphern vorgetragener Song über eine verlorene Liebe darstellt. Wunderschön ist der stimmliche Schlagabtausch von engel- bzw. teufelsartigem Gesang im Refrain von „Superstar“. Die Redewendung „Schweigen ist feige“ wird dann von
Westernhagen zu ernst genommen, denn der Text „Ich hab die weißeste Weste / Ich hab den größten Schwanz / Ich fress von allem die Reste / Ich bin Dein Rosenkranz“ spricht schließlich Bände. Als Abschluss gibt es dann noch eine langsamere und orientalisch angehauchte Version des Liedes „Halleluja“, die man auch hätte weglassen können.
Radio Maria (17.08.1998) 10 Punkte

"Je oller, je doller", kann man fast meinen, wenn man sich die Lieder "Jesus", "Supermann" und "Alleine" anhört. Auf dieser Platte schreckt
Marius noch nicht einmal vor der Kirche ("Jesus"), geschweige denn vor solchen Wörtern wie bumsen, Arschloch, Wichser und Furz (alle "Supermann") zurück. Dies ist mit "Walkman", die eine Seite des
Westernhagen. Auf der anderen Seite kommt aber auch der ruhige, nachdenkliche Marius zum Vorschein. Einmal widmet er den Song "Durch Deine Liebe" seiner todkranken (leider zwischenzeitlich gestorbenen) Mutter, und setzt für mich mit dem Ausspruch "Liebe ist Macht" im selben Lied das Statement des Jahrzehnts. Mit "Wo ist Behle?" beweist er zusätzlich, das man auch aus einem Fernseh-Schnipsel (noch dazu aus dem Sportbereich) ein ganzes Lied zaubern kann. Aber speziell hervorheben möchte ich "Wieder hier", da dies der beste Reviersong seit
Herbert Grönemeyer´s "Bochum" darstellt. Ob
Westernhagen diese Platte noch toppen kann, ist für mich fraglich, mich würde es allerdings wundern!
In den Wahnsinn (04.11.2002) 5 Punkte

So, ich muss mich jetzt einfach zwingen, etwas zu dieser Platte des Herrn
Westernhagen zu schreiben. Sie braucht Zeit, und davon eine Menge. Vielleicht auch einfach zu viel Zeit. Nach fünfmaligem Hören, kann man auf jeden Fall sämtliche Texte mitsingen. Auf dieser Platte lernt man die melancholische, verträumte und ruhige Seite von
Westernhagen kennen. Einzig der erste Track „Es ist an der Zeit“ kann mit Schnelligkeit und Mitsingcharakter aufwarten. Schon beim zweiten Song werden Weisheiten wie „Was Du fühlst, ist nicht immer was Du fühlst / Was immer Du auch fühlst“ genannt und der dritte Song „Die Liebe lebt“ kann man als einen leicht misslungen Friedensong betrachten. Hier werden der heimlichen Geliebten Texte gewidmet, die auch gleichzeitig ein „Böser Engel“ sein könnte. Ein Liebeslied wird ebenfalls der heimlichen Geliebten „Geneviève“ gewidmet. Allerdings kommen die männlichen Wesen auch nicht zu kurz, da dem eher unbekannten sowjetischen Balletttänzer
Rudolf „Nureyev“ ebenfalls ein Liebeslied geschrieben wurde. Ein wenig Endzeitstimmung kommt bei „Lichterloh“ auf. Wie und warum sich manche Menschen einsam fühlen wird in „Ein Blatt im Wind“ beschrieben. Der längste Song der Platte „Why don´t you say your name“ stellt ebenfalls textlich eine Herausforderung dar, nicht nur, weil man den Refrain auch falsch verstehen kann. Insgesamt eine schwierige Platte, für die ich mir vielleicht doch noch zu wenig Zeit genommen habe.
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